Stille Straßen

03.09.2021-15.10.2021

Stefan Guggisberg/Aika Furukawa ausstellung im der The Japan Foundation im Köln.

Stille Straßen

2007 begann das LIA – Leipzig International Art Programme seine Programmtätigkeit mit der japanischen Ausstellung zeitgenössischer Kunst Between Past and Future. Es war der Anfang der internationalen Künstlerresidenz. Im Laufe der Jahre arbeiteten auch japanische Stipendiaten in der LIA. Dank der Japan Foundation nahm LIA Gründerin Anna-Louise Rolland 2019 an einer inspirierenden Kuratorenreise durch Japan teil, die in die Ausstellung „Stille Straßen“ mündete.
„Wir liefen durch Tokio und hatten gerade Shibuya, einer der weltweit belebtesten Straßenkreuzungen der Welt, hinter uns gelassen. Wir bogen in eine Nebenstraße ein. Von einer Sekunde auf die Nächste war es absolut still und die kleine Straße menschenleer. Kein Fahrzeug fuhr mehr. Nur die Lichter der Laternen und die fester der kleinen Einfamilienhäuser waren erleuchtet.“
Eine stille Straße wird oft als Metapher für Veränderung benutzt, denn die Leere eröffnet neue Perspektiven. Eine internationale Künstlerresidenz schafft dauerhaft Veränderungen, indem es Blickwechsel erzeugt. Eine Künstlerresidenz ist eine Kreuzung mit stillen Nebenstraßen. Menschen verschiedener Kulturen treffen hier zusammen und lassen sich von einer fremden Kultur im ständigen Austausch inspirieren. Begegnungen entstehen begleitet von einem Laut und Leise, Präsentieren und Erarbeiten, von Gesprächen und in Besinnung.
Einige Monate nach der Erfahrung in Tokio wurde die ganze Welt still. Covid-19 hatte begonnen wie auch die Arbeit an der Ausstellung. Stefan Guggisberg, langjähriger Gastkritiker im LIA Programm, begann intensive Gespräche über Japan, suchte den Austausch über Japan nach der Kuratorenreise Rollands. 2019 konnte er ein einmonatiges Stipendium in Kofu wahrnehmen. „Ich habe diese stille Neugier gegenüber Japan seit meiner Kindheit. Meine ersten Begegnungen waren damals Pokémon und die Kampfkunst. Es gab immer diese Aufgeregtheit Japan gegenüber, ein Verlangen, Kontakt aufzunehmen mit etwas Unbekanntem,“ erzählt Stefan Guggisberg.

Stefan Guggisberg, ohne Titel (Sphäre), 2021, Öl auf Papier, 240 x 170 cm

2004 erreichte der Schweizer Stefan Guggisberg Leipzig, um an der dortigen Kunsthochschule zu beginnen. 2010 erreichte die Japanerin Aika Furukawa die Künstlerresidenz LIA in Leipzig, um europäische Malerei zu studieren. Beide Künstler blieben in Leipzig, besuchten gegenseitig ihre Ausstellungen und Atelierpräsentationen. 2019 lernten sie sich auf Aika Furukawas Vernissage in Tokio kennen. Zwei Wahlleipziger begegneten sich in Japan. Hier stellen sie erstmalig gemeinsam in Köln aus.
Beide Künstler verbindet die Malerei. Beide gehen vom Zeichnerischen aus. Sie arbeiten mit Gegensätzen: Laut und Leise, Fülle und Leere. Sie arbeiten mit Bildräumen. Stefan Guggisberg baut sie innerhalb des gewählten Bildformats auf durch Abtragung. Aika Furuakwa lässt sie im Wechselspiel und oft unter Einbezug vom Umraum erst entstehen.
Sie trennt ihre Herangehensweise. Stefan Guggisberg kommt aus der Fotografie. Er sucht das Fotografische im Malerischen. Aika Furukawa kommt aus der Malerei. Sie sucht das Zeichnerische im Malerischen. Beide verbindet die europäische Tradition der Malerei und ihre Sehgewohnheiten.
Stefan Guggisbergs I-Pad Malereien ähneln den Schatten in einer Höhle, seine filigranen Zeichnungen Höhlenmalereien. Er vergleicht seinen Arbeitsprozess mit Platons Höhlengleichnis. Wir schauen auf seine Bilder, wir interpretieren unsere Realität hinein. Hier und da glaubt der Betrachter, einen Schatten zu erkennen, eine Silhouette zeichnet sich ab, ein Vorbeigehen, ein Huschen, eine Spur, dann wieder Stille. Er spielt und bricht Wahrnehmungsmuster. Bewusst setzt er Unschärfe im Vordergrund, schärft den Hintergrund mit filigranen Zeichnungen an den Bildwänden.
Seine großformatigen Ölmalereien sind hinter Glas gerahmt. Sie werden wie Zeichnungen behandelt und zeigen keinen klar definierten Raum. Der Malerische Prozess ist abtragend und freilegend. Wie von einer Gesteinswand werden die Bildschichten abgetragen und aus dem „Urgestein“ werden Überlagerungen freigelegt, bis etwas Drittes kommt. Stefan Guggisberg spricht über seinen Bilddialog, er muss das „Spiel am Laufen halten“. Er sucht keine Bilder, er findet sie.

Aika Furukawa

Aika Furukawas Arbeit konzentriert sich auf das Alltägliche im Detail, das Besondere im Allgemeinen. Sie malt Textilien des alltäglichen Lebens, stellt sie dar in ihrer Benutztheit, Abgelegentheit aber auch Schönheit. Sie malt die Fülle in der Einfachheit. Knicke, Falten und Brüche werden altmeisterlich festgehalten, stehen ihren zeichnerischen, abstrakten Malereien gegenüber, die in den Raum greifen, hängen, liegen, klobig werden und wieder still und flach. Eine flache Wand ist kein Hindernis, sie wird zur Herausforderung, wird einbezogen ins Werk. Rahmen werden sichtbar gemacht, Strukturen der Bildkonstruktionen bewusst hervorgeholt und in ihrer Machart ausgestellt. Das Alltägliche wird hervorgeholt auf die Bühne.
Aika Furkawa wurde klassisch in Japan in der Malerei ausgebildet. Sie kam nach Deutschland, weil sie europäische Malerei am Ort des Geschehens sehen, erleben und studieren wollte. Aika Furukawa malt Textilien, die uns zu dem machen, was wir sind oder gern sein möchten, wenn sie Anzüge, Krawatten oder Kostüme festhält und sie dann dreidimensional in einen Raum fallen lässt, indem sie die meterlange Leinwand von der Decke abhängt. Oft arbeitet sie in Serien das ganze Jahr hindurch. Der Prozess ist wesentlicher Teil ihrer Arbeit, die Dauer hat mehr Gewicht als das physische Endergebnis.
Aika Furukawa wie auch Stefan Guggisberg ist der Prozess das Wichtigste, die Dauer, die Zeit bei der Werkentstehung ist ihr Dreh- und Angelpunkt. Hier treffen sich beide wieder. Im Zeichnerischen tritt die japanische Kunst der Kalligraphie bei beiden hervor. Während Aika Furukawa die Stille durch ihre eine Wanderschaft zwischen östlicher und westlicher Bildtradition durchbricht, tut es Stefan Guggisberg, indem er herausschält, was in seinen Bildern längst vorhanden ist, ein Hervorholen der Welt, die in ihm selbst steckt. Aus der Stille entsteht die Fülle.

Anna-Louise Rolland